10957480_10204089127889085_1855734424_o

WER ODER WAS IST EIGENTLICH „GAVI“ ?

Vor Kurzem teilten wir eine Statusmeldung von Punkt 12 Moderatorin Katja Burkard, in der sie behauptete, Angela Merkel setze sich für eine (deutschlandweite) Impfpflicht ein. (1)
Diese brandheiße Info hat sich, wie bereits vermutet, nicht bestätigt. Soviel zum Thema seriöser Journalismus. Aber um was ging es eigentlich?

Im Berliner Kongress-Center versammelten sich gestern Mitglieder der GAVI Impfallianz, zu der seit 2006 auch Deutschland gehört, im Rahmen einer „Wiederauffüllungskonferenz“. (2)

„Die Impfallianz Gavi […] ist eine weltweit tätige öffentlich-private Partnerschaft mit Sitz in Genf. Ihr Ziel ist es, den Zugang zu Impfungen gegen vermeidbare lebensbedrohliche Krankheiten in Entwicklungsländern zu verbessern. Mitglieder der Allianz sind Regierungen von Industrie- und Entwicklungsländern, die Weltgesundheitsorganisation(WHO), UNICEF, die Weltbank, die Bill & Melinda Gates Foundation, Nicht-Regierungsorganisationen, Impfstoffhersteller aus Industrie- und Entwicklungsländern sowie Gesundheits- und Forschungseinrichtungen und weitere private Geber.“ (3)

Unsere Bundeskanzlerin ließ es sich natürlich nicht nehmen, vor versammelter Mannschaft eine bewegendes Plädoyer für Freisetzung weiterer finanzieller Mittel zu halten. (4)

Wiederaufgefüllt wurden aber vor allem die Geldspeicher der Pharmakonzerne. Von den gesammelten 7,5 Milliarden US-Dollar für die Jahre 2016 bis 2020 wird der größte Posten für Impfprogramme eingesetzt werden. Deutschland, genauer gesagt der deutsche Steuerzahler, trägt mit einer stolzen Summe von 600 Millionen Euro seinen Teil dazu bei. 2006 lag Deutschlands Anteil bei gerade mal 4 Millionen Euro. Das wundert angesichts folgender Aussage aber auch nicht weiter. „Die Kosten haben sich in den Jahren von 2001 bis 2014 auf das 68-fache vervielfacht – von US$ 0.67 im Jahr 2001 auf US$ 45.59 im Jahr 2014.“ Zu dem Ergebnis kommt nämlich der Verein Ärzte ohne Grenzen e.V. in ihrem Bericht „The Right Shot Report: Bringing Down Barriers to Affordable and Adapted Vaccines“. (5)

Klar, die Zahl der Impfstoffe hat sich in den letzten 14 Jahren verdoppelt und davon abgesehen, den Ärmsten der Armen hilft man doch gerne. Geld sollte im Falle von Menschenleben keine Rolle spielen. Ganz so uneigennützig ist diese GAVI Allianz dann aber doch nicht.

„Den ärmsten Ländern hilft die Impforganisation Gavi. Sie sammelt Geld bei reichen Ländern und Sponsoren und finanziert die Impfungen. Sobald ein Staat aber etwas wohlhabender wird, verliert er nach einer Übergangszeit das Recht auf Unterstützung und muss die Impfprogramme aus eigener Kraft finanzieren. Dies wird beispielsweise Ghana, Vietnam oder Sambia bald treffen. Diese armen Länder und viele weitere wie etwa Marokko oder Ägypten, die nur über leicht höhere Einkommen verfügen, können sich die hohen Preise oft nicht leisten, weiss Kate Elder von MSF. “ (6)

Die wahren Gewinner sind letztendlich, man ahnt es bereits, die Pharmakonzerne. In einem weiteren Artikel heißt es dazu:
„Anlässlich des GAVI-Gipfels appelliert „Ärzte ohne Grenzen“ deshalb auch direkt an die Bundeskanzlerin: „Wir fordern die Schirmherrin der Konferenz, Angela Merkel, daher auf, zusammen mit den anderen Geberländern Druck auf die Pharmaunternehmen auszuüben, die Preise deutlich zu senken“, so Frisch. „Anstatt die von den Unternehmen verlangten Preise hinzunehmen, müssen als erster Schritt unabhängige Untersuchungen über die tatsächlichen Produktionskosten durchgeführt werden. Außerdem seien auch innerhalb von GAVI Reformen nötig, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Für Kritik sorgt vor allem, dass die Pharmakonzerne, bei denen die Impfstoffe bestellt werden, in den Governance-Strukturen der Organisation vertreten sind. Das heißt, die Produzenten sitzen mit in den Entscheidungsgremien, die die Strategie der Allianz bestimmen […]““ (7)

Während die Ärzte ohne Grenzen die Wirksamkeit flächendeckender Impfungen grundsätzlich nicht in Frage stellen, teilt die BUKO Pharma-Kampagne, welche sich für einen rationalen Gebrauch von Arzneimitteln und einen gerechten Arzneimittelzugang in der Dritten Welt einsetzt, in einer kürzlich erschienenen Pressemitteilung folgendes mit:

„Zwar ist eine Impfung eine schnell durchzuführende Maßnahme, aber nicht immer die kosteneffektivste. So könnten – statt der Impfung gegen einen Erreger von Durchfallerkrankungen – Investitionen in den Zugang zu sauberem Trinkwasser, sichere Abwasserbeseitigung oder Schulungen in Hygiene kostengünstiger und nachhaltiger sein.“ (8)

Weiter heißt es:
„Die HPV-Impfung ist nur begrenzt wirksam und kann deshalb Früherkennungsprogramme gegen Gebärmutterhalskrebs nicht ersetzen. Systematische Bewertungen der Kosteneffektivität fehlen bei GAVI. Sie müssen dringend eingeführt und ihre Ergebnisse transparent dargestellt werden. Ebenso wichtig ist es, eine Neuverteilung der Stimmen im GAVI-Vorstand herbei zu führen. So ist es unverständlich, dass die pharmazeutische Industrie, die offensichtlich hier einen Interessenskonflikt hat, mit zwei Stimmen im Vorstand vertreten ist und somit über die Einführung neuer Impfstoffe mitbestimmt. Die Zivilgesellschaft, die die Interessen der Betroffenen vertritt, hat nur eine Stimme.“

Intransparente Preisfindungen, explodierende Kosten und Interessenkonflikte? Nicht gerade die besten Voraussetzungen einer gemeinnützigen Allianz, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Millionen Menschenleben zu retten. Oder geht es darum letztendlich gar nicht?

Quellen:

(1) https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=839022322832414&id=158032224264764
(2) http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gavi-wiederauffuellungskonferenz-in-berlin-die-impfallianz-gavi-kann-weiter-arbeiten/11287520.html
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Gavi,_die_Impfallianz
(4) http://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Rede/2015/01/2015-01-27-merkel-gavi.html
(5) http://www.aerzte-ohne-grenzen.de/right-shot-report
(6) http://www.srf.ch/gesundheit/gesundheitswesen/impfstoffe-fuer-die-nicht-ganz-aermsten-viel-zu-teuer
(7) http://www.heute.de/kosten-fuer-impfung-umstritten-aerzte-ohne-grenzen-kritisiert-pharmaindustrie-36914790.html
(8) http://www.bukopharma.de/uploads/file/Presse/pm_20150122_GAVI.pdf